Andreé Helen Soller Frager: Lebensbäume und Fetzenfische
7. August bis 4. September 2026
Vernissage Freitag, 7. August 2026, 19:00 Uhr




Wenn Fetzenfische philosophieren und Bäume Geschichten erzählen
Ausstellung von Andrée Helen Soller Frager
Manche Ausstellungen verlangen kunsthistorische Vorkenntnisse. Andere verlangen lediglich Neugier. Die Werke von Andrée Helen Soller Frager gehören erfreulicherweise zur zweiten Kategorie – auch wenn man sich nach dem ersten Rundgang durchaus fragt, warum ein Fisch plötzlich wie ein Renaissancefürst auftritt und weshalb ein Baum mehr Lebewesen beherbergt als so mancher Nationalpark. Mit „Lebensbäume und Fetzenfische“ präsentiert die Sylvia Janschek Art Gallery eine Künstlerin, die der Natur nicht bloß beim Wachsen zusieht, sondern ihr aufmerksam zuhört. Ihre Bilder erzählen von einer Welt, in der alles miteinander verbunden ist – Pflanzen, Tiere, Wasser, Luft und jene eigentümliche Spezies namens Mensch, die sich gelegentlich einbildet, außerhalb dieses Kreislaufs zu stehen.
Der Titel klingt zunächst nach einem poetischen Zungenbrecher. Tatsächlich beschreibt er das Herzstück eines Werkes, das sich seit Jahrzehnten beharrlich jeder modischen Strömung entzieht. Während andere Trends kommen und gehen wie die Jahreszeiten, malt Andrée Helen Soller Frager mit stoischer Geduld an einem einzigen großen Thema: dem Wunder des Lebens. Dieses Wunder begann für sie mit einer Vision. Während einer Yogapraxis erschien der jungen Künstlerin das Bild eines Baumes, dessen Krone und Äste aus Pflanzen und Tieren bestanden – kein botanisches Kuriosum, sondern ein Sinnbild für das empfindliche Gleichgewicht der Natur. Aus diesem inneren Bild entwickelte sich ein Werk, das bis heute wächst wie ein lebender Organismus. Reisen, Wanderungen und die Arbeit im eigenen Garten haben diesen Blick auf die Schönheit und Verletzlichkeit der Schöpfung immer wieder genährt. Wer ihre Bilder betrachtet, entdeckt schnell, dass hier nichts dekorativ im eigentlichen Sinn ist. Jeder Käfer scheint eine Aufgabe zu haben, jeder Vogel kennt seinen Platz, jeder Fisch trägt seine Geschichte mit sich herum. Selbst die berühmten Fetzenfische wirken weniger wie Meeresbewohner als wie exzentrische Intellektuelle in festlichem Gewand – ein wenig skurril, sehr elegant und vermutlich klüger, als sie aussehen.
Soller Frager arbeitet mit Gouache, Acryl, Bleistift und feinsten Pinseln. Vor allem aber arbeitet sie mit Zeit – einer Ressource, die im Kunstbetrieb bisweilen seltener geworden ist als ein unberührtes Korallenriff. Ihre Gemälde entstehen langsam, Schicht für Schicht, Detail für Detail. Das Ergebnis sind Bilder, die den Blick nicht überwältigen, sondern festhalten. Wer glaubt, nach einer Minute alles gesehen zu haben, hat wahrscheinlich nur den Ast betrachtet und den Specht übersehen. Dabei schwingt in allen Arbeiten eine leise Botschaft mit, die niemals belehrend wirkt. Die Künstlerin erhebt keinen ökologischen Zeigefinger; sie öffnet vielmehr eine Tür. Wer hindurchgeht, begegnet einer Natur, die weder Kulisse noch Ressource ist, sondern Mitspielerin eines großen Ganzen. Vielleicht liegt gerade darin die stille Aktualität dieser Malerei: Sie erinnert uns daran, dass Biodiversität kein Schlagwort aus politischen Programmen ist, sondern ein tägliches Wunder – eines, das wir meist erst bemerken, wenn es zu verschwinden droht. Die in Zürich geborene Künstlerin widmet sich seit ihren frühen Zwanzigern konsequent der Malerei. Zahlreiche Ausstellungen in der Schweiz und in Österreich dokumentieren ihren kontinuierlichen künstlerischen Weg, dessen Handschrift unverwechselbar geblieben ist.
Mit der Ausstellung „Lebensbäume und Fetzenfische“ holt die Sylvia Janschek Art Gallery eine Position nach Bregenz, die in einer Zeit permanenter Beschleunigung wohltuend entschleunigt. Es sind Bilder, die nicht laut werden müssen, um lange nachzuhallen. Und vielleicht verlässt man die Galerie am Ende mit einem etwas aufmerksameren Blick auf den nächsten Baum. Oder auf den nächsten Fisch. Sollte dieser besonders elegant gekleidet sein, könnte es durchaus ein Fetzenfisch sein.